Wie beeinflussen sich Zyklus und Psyche gegenseitig?

„Normalerweise bin ich eine unbeschwerte Frau voller Lebensfreude, aber kurz vor meiner Periode werde ich unsicher, traurig, geradezu hoffnungslos. Warum ist das so?”

Drop of Blood - picture by Vulvani

Photo by Vulvani – www.vulvani.com

Dies ist nur eine der Fragen, die mir im Rahmen meiner Arbeit mit Work That Period über Zyklus und Psyche gestellt wurden. Sie veranschaulicht den extremen Umschwung, den manche Menstruierende während ihres Zyklus durchmachen, und die Verzweiflung, die sie empfinden, wenn sie nicht nachvollziehen können, woher diese plötzliche Veränderung kommt. Zunächst einmal ist es wichtig zu verstehen, dass Hormone bei fast allem, was sich in unserem Körper abspielt, einen Einfluss haben. Somit beeinflussen sich auch Zyklus und Psyche gegenseitig. Wenn wir also über Zyklusgesundheit sprechen, können wir das nicht eindeutig von psychischer Gesundheit trennen. 

 

Während die meisten mit dem prämenstruellen Syndrom (PMS) vertraut sind, sind die prämenstruelle dysphorische Störung (PMDS), die prämenstruelle Exazerbation (PME) - also das Verschlechtern von bestehenden Erkrankungen in der prämenstruellen Phase - und andere Arten, in denen sich psychische Gesundheit und der Menstruationszyklus gegenseitig beeinflussen, weitgehend unbekannt. Problematisch wird es, wenn die Ursache für psychische Probleme nicht gefunden wird und die Betroffenen ihren Alltag ohne Hilfe bewältigen müssen. Die folgenden Punkte veranschaulichen die komplexe Beziehung zwischen Menstruationszyklus und psychischer Gesundheit und zeigen, dass ein ganzheitlicher Ansatz bei der Behandlung von psychischen Problemen bei Menstruierenden unerlässlich ist. 

 

Menstruationsbeschwerden führen zu psychischen Problemen

Es klingt zunächst logisch, dass starke, einschränkende Menstruationsbeschwerden und -symptome für Menstruierende unangenehm sein können. Doch das Ausmaß kann erheblich sein! Bei Endometriose-Patient*innen zum Beispiel kann das so weit gehen, dass selbst in der beschwerdefreien Zeit Ängste aufkommen, wie sie die nächste Periode überstehen sollen - zumal Schmerzen und Beschwerden oft auch außerhalb der Periode auftreten. Wenn der Alltag für die Betroffenen zu einer Herausforderung wird, zum einen wegen der einschränkenden Symptome, zum anderen, weil nicht immer offen darüber gesprochen werden kann, können Komorbiditäten auftreten. Häufig sind dies Depressionen. 

 

Psychische Probleme führen zu Menstruationsbeschwerden

Darüber hinaus können psychische Erkrankungen und der daraus resultierende Stress, Schlafmangel und ein möglicherweise ungesunder Lebensstil zu zyklusbedingten Problemen führen oder diese verstärken. Studien zeigen zum Beispiel, dass Menstruierende mit Angst- oder Suchterkrankungen häufiger verkürzte Zyklen haben. Unregelmäßige Zyklen werden auch mit Essstörungen und Depressionen in Verbindung gebracht.

Unabhängig davon kann sich auch eine vorübergehend sehr stressige Periode auf den Zyklus auswirken und aufgrund einer gestörten Produktion von Sexualhormonen zu verstärkten Schmerzen während der Periode führen.

prämenstruelle dysphorische störung

Prämenstruelles Syndrom (PMS) und prämenstruelle dysphorische Störung (PMDS)

Spezifisch für die Lutealphase sind PMS und PMDS, die beide eine Reihe von Symptomen wie Müdigkeit, Kopfschmerzen, Stimmungsschwankungen und Schlafprobleme umfassen können. Beim PMDS treten jedoch zusätzlich extreme psychische Symptome wie Depressionen, Hoffnungslosigkeit und Angstzustände auf. Obwohl PMDS in direktem Zusammenhang mit den hormonellen Veränderungen im Menstruationszyklus steht, wird es nicht durch ein hormonelles Ungleichgewicht ausgelöst, sondern durch eine gestörte Reaktion auf den natürlichen Anstieg und Abfall von Östrogen und Progesteron. Östrogen, das dominierende Hormon in der ersten Zyklushälfte, hat einen positiven Einfluss auf die Serotoninproduktion, und führt zu einer verbesserten Stimmung. Progesteron, das mit dem Einsatz des Eisprungs gebildet wird, wirkt dem jedoch entgegen. Betroffene leiden extrem unter den Konsequenzen dieser Erkrankung, da sie für viele schwer verständlich ist und besonders im Arbeitsalltag zu Problemen führt. 

 

Prämenstruelle Exazerbation 

Einige Menstruierende sind von der prämenstruellen Exazerbation betroffen, die nur schwer von PMDS zu unterscheiden ist. Diese Verschlimmerung oder Verstärkung der Symptome einer anderen Krankheit folgt einem ähnlichen Muster, mit dem Unterschied, dass die Symptome auch in der follikulären Phase auftreten, in der Regel mit geringerer Intensität. Auch hier ist die genaue Ursache nicht geklärt, man vermutet jedoch, dass es sich um eine Störung in der komplexen Interaktion zwischen dem Immunsystem und dem neuroendokrinen System handelt. 

 

Warum ist es wichtig, dass wir über dieses Thema sprechen?

Während die meisten von uns um die unangenehmen Begleiterscheinungen von PMS wissen (und nach wie vor Witze darüber machen), sind manche Menstruierende von starken psychischen Veränderungen während des Zyklus betroffen. Dies ist jedoch mit einem doppelten Stigma behaftet, denn sowohl die Menstruation als auch psychische Probleme sind tabuisiert. Das hat zur Folge, dass Betroffene häufig im Stillen leiden. Die Unwissenheit (nicht nur bei den Betroffenen, sondern auch beim Gesundheitspersonal) über diese Zusammenhänge kann dazu führen, dass Krankheiten nicht oder zu spät diagnostiziert werden oder es zu Fehldiagnosen kommt. Für eine angemessene Behandlung und Unterstützung ist es jedoch notwendig, die wahre Ursache hinter den Symptomen zu erkennen und zu behandeln. 

 

In vielen Fällen sind die Ärzt*innen auf die Schilderungen der Patient*innen angewiesen, weshalb es hilfreich sein kann, ein Zyklustagebuch zu führen. Vorlagen gibt es zum Beispiel bei der Organisation IAPMD, die auch eine kostenlose Tracking-App für genau diese Bedürfnisse anbietet. Eine deutsche Vorlage findet sich auf der Website PMDS.team, die von Expertinnen in dem Bereich geführt wird. 


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