PMS durch innovative Forschung besser verstehen

mit Tilia Linthout, Mitbegründerin von Anticoncept! und Masterstudentin an der Universität Gent

Die Gender-Data-Gap macht auch vor dem Thema Menstruationsgesundheit nicht halt. Der Menstruationszyklus, die Verhütung und ihre Auswirkungen auf das Wohlbefinden sind viel zu wenig erforscht. Gerade deshalb ist es so wichtig, darüber zu reden! Dieser Meinung ist auch Tilia Linthout, die derzeit über das Prämenstruelle Syndrom (PMS) forscht.

Hallo Tilia, es ist schön, wieder mit dir zu sprechen. Möchtest du dich kurz vorstellen und ein wenig darüber erzählen, woran du im Moment arbeitest?

Sehr gerne. Ich bin Tilia und ich schreibe gerade meine Masterarbeit über emotionale Expression, PMS und Verhütung. Es ist eine traurige Geschichte, die mich dazu gebracht hat, mich für Menstruationsgesundheit und alle damit zusammenhängenden Themen zu interessieren. Eine Freundin von mir ist an einer Lungenembolie gestorben, weil sie nicht über die Risiken von Verhütungsmitteln aufgeklärt wurde. Deshalb haben meine Freunde und ich eine Bewegung namens Anticoncept! gegründet, um das Bewusstsein für hormonelle Verhütungsmittel und ihre Auswirkungen zu schärfen. Wir versuchen, so genau wie möglich zu sein, weil wir das Gefühl haben, dass es zu dem Thema nicht immer genug sachliche Informationen gibt. 

PMS, Verhütung, Menstruation

War es einfach für dich, jemanden zu finden, der dieses Thema betreuen kann?

Ich hatte Glück, weil das Thema sogar angeboten war. Als ich es gesehen habe, war ich sofort neugierig darauf, mehr über die wissenschaftliche Seite von PMS und die Analyse von Verhütungsmitteln zu erfahren. Glücklicherweise habe ich einen Betreuer (Doktorand Mitchel Kappen vom GHEP lab an der Universität Gent) gefunden, der mit Facial-Coding arbeitet, die wir jetzt zur Untersuchung des emotionalen Ausdrucks verwenden. Dazu untersuchen wir Gesichtsausdrücke. Das ist ein tolles implizites Maß, denn mit der Mimik erhalten wir die "wahre" Reaktion. Man kann nicht wirklich verbergen, wie man sich fühlt, die Gesichtsmuskeln machen einfach ihr Ding, auch wenn man sich dessen nicht bewusst ist. In unserer Studie verwenden wir Bilder, die eine bestimmte affektive Reaktion hervorrufen sollen. Auf der Grundlage dieser innovativen Videoanalysen versuchen wir also, die Mimik von Menschen mit und ohne PMS als Reaktion auf die Stimuli zu lesen. Im Rahmen dieser Masterarbeit werden wir auch hormonelle Verhütung analysieren.

Mit der Analyse von Verhütungsmitteln meinst du die Analyse ihrer Auswirkungen auf bestimmte Aspekte, richtig?

Genau, und es wird wahrscheinlich eine explorative Analyse sein, weil es noch nicht viele Quellen gibt, auf die wir zurückgreifen können. Was den PMS-Teil betrifft, so vergleichen wir Menschen mit PMS mit solchen ohne PMS, und zwar auf der Grundlage ihrer Antworten in einem verifizierten PMS-Screening-Tool (also ohne klinische Diagnose). Wir sind sehr an den Ergebnissen interessiert, aber ich kann dazu noch nicht viel sagen.

Das klingt interessant und ich bin gespannt, was dabei herauskommt. Kannst du für diejenigen, die es nicht kennen, kurz erklären, was PMS ist?

PMS steht für prämenstruelles Syndrom, und es gibt grundsätzlich zwei Phasen im Menstruationszyklus: die Follikelphase und die Lutealphase. Während der Lutealphase, die auch als prämenstruelle Phase bezeichnet wird, treten bei vielen Menstruierenden körperliche Symptome wie Aufgeblähtheit und Brustspannen auf, aber auch emotionale und verhaltensbezogene Symptome. Diese drei Gruppen von Symptomen bilden zusammen die prämenstruellen Beschwerden. Das Schwierige daran ist, dass es keine einheitlichen Kriterien gibt. Es gibt drei Institutionen, die PMS-Kriterien vorschlagen: die Kriterien des American College of Obstetrics and Gynecologists (ACOG), die Kriterien des Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM) und die Kriterien der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Deshalb ist es für viele Menstruierende schwierig, herauszufinden, ob sie prämenstruelle Symptome haben und Hilfe zu finden.

 

Die Listung in den DSM-Kriterien ist noch relativ neu, ist das richtig?

Genau, die schwerste Form von PMS, die Prämenstruelle Disphorische Störung (PMDS), ist seit der letzten Version des DSM als offizielle klinische Störung anerkannt. Ich war trotzdem überrascht zu sehen, dass viele PMS-Studien sehr alt waren. Obwohl es wirklich interessante Studien gab, wurden viele von ihnen nicht aufgegriffen. Ich habe aber das Gefühl, dass es in den letzten Jahren einen neuen Trend gibt, bei dem PMS mehr Aufmerksamkeit erhält.

 

Das ist auch meine Beobachtung, und es gibt immer mehr Studien über die sozialen Auswirkungen von PMS.

Stimmt. Ich denke, es ist ein bisschen von beidem, es gibt mehr Studien über die pathologischen Aspekte und die sozialen Auswirkungen. Das ist möglicherweise sehr wichtig für das Verständnis von Einstellungen und Tabus in Bezug auf die Menstruation, aber da die Forschung noch in den Kinderschuhen steckt, gibt es meines Erachtens noch keine ausreichende Grundlage, um Schlussfolgerungen zu ziehen. Ich denke, es wäre sehr interessant, wenn Forscher*innen das Thema Menstruation als kulturelles/soziales Phänomen vertiefen würden, auch in den nicht-westlichen Ländern.

 

Das ist wahrscheinlich das Schwierige an der Selbsteinschätzung von PMS, denn wenn die Betroffenen den Menstruationszyklus nicht kennen, erkennen sie wahrscheinlich nicht, dass ihre Symptome einem Muster folgen. Wie könnte diese Forschung deiner Meinung nach genutzt werden, um dieses Wissen in die Gesellschaft zu tragen?

Das ist eine schwierige Angelegenheit, und deshalb finde ich deine Arbeit so wichtig. Du versuchst, die Kluft zwischen der Forschung und Anwendung dieses Wissens zu überbrücken. Genau das möchte ich auch machen. Diese Frage ist im Grunde für die gesamte Grundlagenforschung wichtig.

 

Das ist wahr, und vielen Dank! Ich denke, du machst das Gleiche mit deinem Projekt Anticoncept! Euer Instagram-Account hat viele Follower*innen und ihr schafft ein Bewusstsein und besseres Verständnis für hormonelle Verhütung.

Das stimmt, und vor kurzem erhielten wir die tolle Nachricht, dass wir ins flämische Parlament eingeladen wurden. Es ist toll zu sehen, dass so viele Menschen das unterstützen. Unser Ziel ist es, Bewusstsein und Informationen über Verhütung und Menstruation zu verbreiten. Es ist schön, auf der Seite der Veränderung zu sein, und ich hoffe, dass es eine nachhaltige Wirkung hat, auch wenn es wahrscheinlich zu schwierig ist, tatsächliche gesetzliche Änderungen zu erreichen. Wenn Frauen an uns herantreten und uns sagen, dass es toll ist, dass sich endlich jemand dieses Themas annimmt, habe ich oft gemischte Gefühle. Einerseits ist es natürlich toll, diesen Frauen zu helfen und dafür zu sorgen, dass sie Gehör finden, aber es sollte andere Einrichtungen geben, die den Mangel an Wissen und Ressourcen zu einem so wichtigen Thema ausgleichen. Warum wird das nicht getan?

Letztendlich sind wir nur eine Gruppe, die sich für dieses Thema interessiert, und uns wird eine größere Verantwortung übertragen, als wir eigentlich angestrebt haben. Wir müssen immer wieder betonen, dass wir keine medizinischen Expert*innen sind. Glücklicherweise hören wir von vielen Ärzt*innen und Gynäkolog*innen, dass immer mehr Frauen mit Fragen zur Verhütung zu ihnen kommen. Ich denke, es ist sehr wichtig, die richtigen Ansprechpartner zu finden, die einen informieren können und die wissen, wie wichtig ein guter Dialog zwischen Ärzt*in und Patient*in ist.


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