Die Zukunft der Arbeit ist menstruationsbewusst

Zukunftsforscher*innen beschreiben die Zukunft der Arbeit und Unternehmensführung oft in einer Weise, die für Viele heute noch utopisch und unwirtschaftlich klingt. Vor allem diejenigen, die bei der Einführung neuer Technologien um ihren Arbeitsplatz fürchten, können der Aussage, dass der Mensch im Mittelpunkt der Arbeit stehen wird, noch nicht ganz glauben.

Das ist nicht überraschend, da diese Visionen eine grundlegende Änderung der derzeitigen Norm erfordern würden und es derzeit den Anschein hat, dass das Wohlbefinden der Mitarbeiter*innen nur zur Steigerung der Leistung und der Wettbewerbsfähigkeit gefördert wird. Doch im Gegensatz zu den Generationen unserer Eltern und Großeltern wird das Wohlbefinden der Mitarbeiter*innen in der Zukunft der Arbeit eine Schlüsselrolle spielen.

Und dieser Wandel ist bereits in vollem Gange: Angesichts des weltweit steigenden Wohlstands und des zunehmenden Einsatzes von Automatisierung und Robotik können wir damit beginnen, uns darauf zu konzentrieren, Erfüllung in dem zu finden, was wir tun. Die Generation Alpha, die mit den sozialen Medien aufgewachsen, kritisch und offen ist, wird von ihrem Job mehr erwarten als nur ein Gehalt. Als Verbraucher*innen erwarten sie, dass die Geschäftswelt ethischen Praktiken und einem Zweck folgt, und das Gleiche gilt für ihre Berufe: Sie streben nach Zugehörigkeit und danach, dass ihre Überzeugungen mit ihrer Arbeit in Einklang stehen. Gleichzeitig werden frühere Generationen länger arbeiten als je zuvor und mehrere Berufe ausüben. All diese Faktoren tragen dazu bei, dass der Mensch im Mittelpunkt der Arbeit steht.

Die veränderte Sichtweise der Arbeitnehmer*innen auf die Arbeit wird zu einer längst überfälligen Änderung der Führungsmodelle der Arbeitgeber*innen führen, um diesen neuen Anforderungen gerecht zu werden, denn Spitzenkräfte werden weiterhin Mangelware sein. Statt sich auf die Maximierung von Gewinn und Arbeitsproduktivität zu konzentrieren, wird die große Herausforderung in Zukunft darin bestehen, den ständigen Wandel von Arbeitsmethoden, Mitarbeitern und Umweltfaktoren zu koordinieren.

Neue Arbeit

Für das „neue Arbeiten“ werden neue Strategien und Schwerpunkte benötigt. Vor allem stehen in Zukunft jedoch die Mitarbeitenden im Fokus, denn auch von ihnen wird schnelles und flexibles Handeln verlangt. Dies wiederum ist nicht möglich, wenn an starren Arbeitszeiten und festen Arbeitsplätzen festgehalten wird. Die neue Art zu arbeiten setzt eine Agilität voraus, von der vor allem diejenigen profitieren werden, die auf ihre eigenen Bedürfnisse achten und nach ihren eigenen Interessen handeln. Dazu zählen auch Menstruierende, die flexibel je nach Zyklusphase und Wohlbefinden arbeiten möchten. 

In der Trendanalyse Leadership: Führung in Zeiten multioptionaler Orientierungslosigkeit beschreibt Sven Gábor Janszky, dass die Mitarbeitenden der Zukunft in der glücklichen Lage sein werden, nicht nur ihre eigenen Ideen und ihr eigenes Bild von der Zukunft offen kommunizieren zu können, sondern dass die Führungskräfte der Zukunft aktiv daran mitarbeiten werden, wie diese Weiterentwicklung im eigenen Unternehmen stattfinden kann. Genau um diese flexiblen Rahmenbedingungen und die Einbeziehung der individuellen Stärken geht es bei New Work: Der Mensch wird am Arbeitsplatz als Ganzes gesehen und mit all seinen Stärken und Schwächen akzeptiert. 

Wenn wir über New Work sprechen, geht es automatisch auch um Vielfalt und Inklusion und einen notwendigen Mindset-Wechsel, bei dem diese Themen als Gesamtaufgabe des Unternehmens verstanden werden.

Das Interessante ist, dass das Konzept der Neuen Arbeit gar nicht neu ist, sondern schon in den 1980er Jahren von dem Sozialphilosoph Frithjof Bergmann begründet wurde. Bergmann definierte den Begriff auch viel weiter, als wir es oft tun, denn neue, nachhaltige und innovative Arbeitsmodelle sollten idealerweise mit einer neuen Art des Konsums einhergehen. Kurz gesagt: Wir können es uns leisten, erfüllter und sinnvoller zu arbeiten, wenn wir unseren Konsum minimieren.

Das Konzept steht im Gegensatz zu dem Menschenbild, das heute noch in den Betrieben vorherrscht, denn da werden Mitarbeitende vor allem nach ihrer Leistungsfähigkeit gemessen, Erfolg zeichnet sich durch Kaufkraft ab.

Gleichzeitig zeigt Glücksforschung, dass ab einem bestimmten Einkommen mehr Geld nicht unbedingt zu glücklicheren Menschen führt, und wenn es auf Kosten von Zeit für die Liebsten oder Hobbys geht, tritt genau das Gegenteil ein: Überarbeitung führt zu Stress und im schlimmsten Fall zu Burnout, und es bleibt keine Zeit, sich um sich selbst zu kümmern. 

Problematisch wird es auch bei der derzeitigen Betrachtung von Gesund- bzw. Krankheit: Anstatt Krankheiten als Teil des Lebens anzusehen, werden diese Menschen häufig als Schwäche ausgelegt und erwartet, dass diese am Arbeitsplatz nicht ausgelebt werden. Das führt dazu, dass am Arbeitsplatz nicht über Krankheiten gesprochen wird und Mitarbeitende getrennt von diesen betrachtet werden, als existiere die Krankheit nur abseits der Arbeit.

„Wer von menschenzentrierten Organisationen spricht, also den ganzen Menschen in den Mittelpunkt stellen möchte, kann seine Krankheiten nicht aussparen. Wir sind alle krank, waren es oder werden es sein.”

 Louka Goetzke (2021): Gesunde Arbeit: Wir sind doch alle krank!

Natürlich geht es bei einem menstruationsbewussten Arbeitsplatz nicht nur um Krankheiten, auch wenn die Aufklärung darüber eine große Rolle spielen sollte. Es geht vor allem darum, die individuellen Rhythmen und Zyklen jedes Einzelnen zu respektieren und wertzuschätzen und sie in die Aktivitäten im Alltag und am Arbeitsplatz einzubeziehen. Dazu gehört auch der Menstruationszyklus, der die Hälfte der Bevölkerung über einen großen Teil ihres Lebens begleitet. Kommunikation nimmt auch hier eine Schlüsselrolle ein, denn genau wie Paul Watzlawick es in den 5 Axiomen der Kommunikation beschreibt: Wir können nicht nicht kommunizieren. Das Schweigen über bestimmte Themen stellt keine Neutralität dar, es zeigt Desinteresse und Ablehnung. Ein Klima der Innovation kommt also nicht an einer menstruationsbewussten Arbeits- und Kommunikationsweise herum!

Neue Organisation

In dem Buch Reinventing Organizations untersucht Frédéric Laloux wie verschiedene Organisationen mit einem radikalen Paradigmenwechsel neue Formen der Zusammenarbeit schaffen und sich davon schon heute von herkömmlichen Organisationen unterscheiden. In der Suche nach Ganzheit beschreibt Laloux, wie wir auch heute noch Masken bei der Arbeit tragen, um gewissen Erwartungen zu entsprechen. Genauso wie Arbeitsuniformen eine Art Verschleierung unserer Person sind, versuchen wir alle, einen Teil unseres Selbst abzulegen, wenn wir bei der Arbeit sind. Wir neigen z.B. eher dazu, unsere maskuline, determinierte Seite zu zeigen, als unsere feminine, fürsorgliche und verletzliche - obwohl wir beide Seiten in uns tragen. Emotionalität wird meist als völlig fehl am Platz wahrgenommen. Das zeigt sich schon daran, dass wir uns schämen, wenn uns bei der Arbeit die Tränen kommen, wobei doch eigentlich klar sein sollte, dass das bei jedem Menschen mal vorkommt.

„Außergewöhnliche Dinge werden möglich, wenn wir es wagen, unser ganzes Selbst in unserer Arbeit zum Ausdruck zu bringen. Jedes Mal, wenn wir einen Teil von uns zurücklassen, dann schneiden wir uns von einem Teil unseres Potenzials, unserer Kreativität und Energie ab.“

Frédéric Laloux (2014): Reinventing Organizations

Um einen sicheren und kooperativen Arbeitsplatz zu schaffen, ist eine neue Art der Kommunikation von Grundregeln erforderlich. Anstatt den Menschen ein bestimmtes Verhalten am Arbeitsplatz beizubringen, weil wir es müssen, werden wir es tun, weil wir es wollen. Die Eigenmotivation muss die Hauptantriebskraft sein, und eine unabhängige und maßgeschneiderte Bereitstellung von Informationen zu Themen wie Diskriminierung und Inklusion mit Hilfe neuer digitaler Instrumente wird genau diesen Wandel ermöglichen. Nur so lässt sich ein offenes und integratives Arbeitsumfeld schaffen.

Work-Life-Blending anstatt Work-Life-Balance

Wenn die eigenen Bedürfnisse bei der Arbeit berücksichtigt werden, wird es endlich möglich sein, dass Arbeit nicht mehr unabhängig vom eigenen Körper, unabhängig von Zyklusphasen, Gesundheit oder Krankheit gesehen wird. Die Unterteilung in Arbeits- und Freizeitmensch wird obsolet, denn die Arbeitsmodelle der Zukunft lassen uns viel mehr Raum, unsere Arbeit wirklich zu genießen. Das schafft einen Freiraum, der je nach Wohlbefinden, Interessen und Fähigkeiten gestaltet werden kann, und der es den Mitarbeitenden der Zukunft ermöglichen wird, selbstorganisiert zu arbeiten und die eigene Gesundheit miteinzubeziehen. Die Zukunft der Arbeit ist nicht starr, sie ist fluide, genau wie der Menstruationszyklus, genau wie wir alle.


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