Die Zukunft der Arbeit ist menstruationsbewusst

Zukunftsforscher*innen beschreiben die Zukunft der Arbeit und Unternehmensführung oft in einer Weise, die für Viele heute noch utopisch und unwirtschaftlich klingt. Vor allem diejenigen, die bei der Einführung neuer Technologien um ihren Arbeitsplatz fürchten, können der Aussage, dass der Mensch im Mittelpunkt der Arbeit stehen wird, noch nicht ganz glauben.

Häufig wird auch darauf hingewiesen, dass das Wohlbefinden der Arbeitnehmer nur dann gefördert wird, wenn es um die Steigerung von Leistung und Wettbewerbsfähigkeit geht. Doch im Gegensatz zu den Generationen unserer Eltern und Großeltern werden in Zukunft neue Entscheidungsfaktoren für die Wahl unserer Arbeitsplätze hinzukommen: Selbstverwirklichung und Zugehörigkeit. Das zukünftige Lebens- und Arbeitsmodell unterscheidet sich grundlegend von dem der früheren Generationen. Das wird sich auch auf die Manager*innen und ihren Führungsstil auswirken: Statt nur auf den Gewinn und den Erhalt der Belegschaft zu achten, wird die große Herausforderung in der Zukunft darin bestehen, einen ständigen Wandel an Arbeitsmethoden, Arbeitnehmer*innen und Umweltfaktoren zu koordinieren. Beschleunigt wird dieser Prozess durch den Fachkräftemangel, den der demografische Wandel höchstwahrscheinlich verschärfen wird.

Neue Arbeit

Für das „neue Arbeiten“ werden neue Strategien und Schwerpunkte benötigt. Vor allem stehen in Zukunft jedoch die Mitarbeitenden im Fokus, denn auch von ihnen wird schnelles und flexibles Handeln verlangt. Dies wiederum ist nicht möglich, wenn an starren Arbeitszeiten und festen Arbeitsplätzen festgehalten wird. Die neue Art zu arbeiten setzt eine Agilität voraus, von der vor allem diejenigen profitieren werden, die auf ihre eigenen Bedürfnisse achten und nach ihren eigenen Interessen handeln. Dazu zählen auch Menstruierende, die flexibel je nach Zyklusphase und Wohlbefinden arbeiten möchten. 

In der Trendanalyse Leadership: Führung in Zeiten multioptionaler Orientierungslosigkeit beschreibt Sven Gábor Janszky, dass die Mitarbeitenden der Zukunft in der glücklichen Lage sein werden, nicht nur ihre eigenen Ideen und ihr eigenes Bild von der Zukunft offen kommunizieren zu können, sondern dass die Führungskräfte der Zukunft aktiv daran mitarbeiten werden, wie diese Weiterentwicklung im eigenen Unternehmen stattfinden kann. Genau um diese flexiblen Rahmenbedingungen und die Einbeziehung der individuellen Stärken geht es bei New Work: Der Mensch wird am Arbeitsplatz als Ganzes gesehen und mit all seinen Stärken und Schwächen akzeptiert. 

Wenn wir über New Work sprechen, geht es automatisch auch um Vielfalt und Inklusion und einen notwendigen Mindset-Wechsel, bei dem diese Themen als Gesamtaufgabe des Unternehmens verstanden werden.

Das Interessante ist, dass das Konzept der Neuen Arbeit gar nicht neu ist, sondern schon in den 1980er Jahren von dem Sozialphilosoph Frithjof Bergmann begründet wurde. Bergmann definierte den Begriff auch viel weiter, als wir es oft tun, denn neue, nachhaltige und innovative Arbeitsmodelle sollten idealerweise mit einer neuen Art des Konsums einhergehen. Kurz gesagt: Wir können es uns leisten, erfüllter und sinnvoller zu arbeiten, wenn wir unseren Konsum minimieren.

Das Konzept steht im Gegensatz zu dem Menschenbild, das heute noch in den Betrieben vorherrscht, denn da werden Mitarbeitende vor allem nach ihrer Leistungsfähigkeit gemessen, Erfolg zeichnet sich durch Kaufkraft ab. Selbstverwirklichung hat da wenig Platz und viele Arbeitnehmer*innen sind enttäuscht über den nicht vorhandenen Einfluss. Problematisch wird es bei der derzeitigen Betrachtung von Gesund- bzw. Krankheit: Anstatt Krankheiten als Teil des Lebens anzusehen, werden diese Menschen häufig als Schwäche ausgelegt und erwartet, dass diese am Arbeitsplatz nicht ausgelebt werden. Das führt dazu, dass am Arbeitsplatz nicht über Krankheiten gesprochen wird und Mitarbeitende getrennt von diesen betrachtet werden, als existiere die Krankheit nur abseits der Arbeit.

„Wer von menschenzentrierten Organisationen spricht, also den ganzen Menschen in den Mittelpunkt stellen möchte, kann seine Krankheiten nicht aussparen. Wir sind alle krank, waren es oder werden es sein.”

 Louka Goetzke (2021): Gesunde Arbeit: Wir sind doch alle krank!

Natürlich geht es bei einem menstruationsbewussten Arbeitsplatz nicht nur um Krankheiten, auch wenn die Aufklärung darüber eine große Rolle spielen sollte. Es geht vor allem darum, die individuellen Rhythmen und Zyklen jedes Einzelnen zu respektieren und wertzuschätzen und sie in die Aktivitäten im Alltag und am Arbeitsplatz einzubeziehen. Dazu gehört auch der Menstruationszyklus, der die Hälfte der Bevölkerung über einen großen Teil ihres Lebens begleitet. Kommunikation nimmt auch hier eine Schlüsselrolle ein, denn genau wie Paul Watzlawick es in den 5 Axiomen der Kommunikation beschreibt: Wir können nicht nicht kommunizieren. Das Schweigen über bestimmte Themen stellt keine Neutralität dar, es zeigt Desinteresse und Ablehnung. Ein Klima der Innovation kommt also nicht an einer menstruationsbewussten Arbeits- und Kommunikationsweise herum!

Neue Organisation

In dem Buch Reinventing Organizations untersucht Frédéric Laloux wie verschiedene Organisationen mit einem radikalen Paradigmenwechsel neue Formen der Zusammenarbeit schaffen und sich davon schon heute von herkömmlichen Organisationen unterscheiden. In der Suche nach Ganzheit beschreibt Laloux, wie wir auch heute noch Masken bei der Arbeit tragen, um gewissen Erwartungen zu entsprechen. Genauso wie Arbeitsuniformen eine Art Verschleierung unserer Person sind, versuchen wir alle, einen Teil unseres Selbst abzulegen, wenn wir bei der Arbeit sind. Wir neigen z.B. eher dazu, unsere maskuline, determinierte Seite zu zeigen, als unsere feminine, fürsorgliche und verletzliche - obwohl wir beide Seiten in uns tragen. Emotionalität wird meist als völlig fehl am Platz wahrgenommen. Das zeigt sich schon daran, dass wir uns schämen, wenn uns bei der Arbeit die Tränen kommen, wobei doch eigentlich klar sein sollte, dass das bei jedem Menschen mal vorkommt.

„Außergewöhnliche Dinge werden möglich, wenn wir es wagen, unser ganzes Selbst in unserer Arbeit zum Ausdruck zu bringen. Jedes Mal, wenn wir einen Teil von uns zurücklassen, dann schneiden wir uns von einem Teil unseres Potenzials, unserer Kreativität und Energie ab.“

Frédéric Laloux (2014): Reinventing Organizations

Um einen sicheren und kooperativen Arbeitsplatz zu schaffen, ist eine neue Art der Kommunikation von Grundregeln erforderlich. Anstatt den Menschen ein bestimmtes Verhalten am Arbeitsplatz beizubringen, weil wir es müssen, werden wir es tun, weil wir es wollen. Die Eigenmotivation muss die Hauptantriebskraft sein, und eine unabhängige und maßgeschneiderte Bereitstellung von Informationen zu Themen wie Diskriminierung und Eingliederung mit Hilfe neuer digitaler Instrumente wird genau diesen Wandel ermöglichen. Nur so lässt sich ein offenes und integratives Arbeitsumfeld schaffen.

Work-Life-Blending anstatt Work-Life-Balance

Wenn die eigenen Bedürfnisse bei der Arbeit berücksichtigt werden, wird es endlich möglich sein, dass Arbeit nicht mehr unabhängig vom eigenen Körper, unabhängig von Zyklusphasen, Gesundheit oder Krankheit gesehen wird. Die Unterteilung in Arbeits- und Freizeitmensch wird obsolet, denn die Arbeitsmodelle der Zukunft lassen uns viel mehr Raum, unsere Arbeit wirklich zu genießen. Das schafft einen Freiraum, der je nach Wohlbefinden, Interessen und Fähigkeiten gestaltet werden kann, und der es den Mitarbeitenden der Zukunft ermöglichen wird, selbstorganisiert zu arbeiten und die eigene Gesundheit miteinzubeziehen. Die Zukunft der Arbeit ist nicht starr, sie ist fluide, genau wie der Menstruationszyklus, genau wie wir alle.


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